Männer die um Strohballen herumfahren

 

Mr. Hayabusa und das Bremerhavener Fischereihafen-Rennen 2010

 

von Michael Busch

 

 

"Ich habe vom letzten Jahr noch eine Rechnung offen - mit mir selbst!" Elmar Geulen blickt dabei in die Runde, und die Anwesenden nicken. Sie wissen genau was er meint.
Es ist Teambesprechung bei Mr. Hayabusa, die Planung für das Bremerhavener Fischereihafen-Rennen 2010 (www.fischereihafen-rennen.de) ist in der heißen Phase. Ein Renntermin mit hoher Priorität, wie jedes Jahr. "Kein anderes Rennen ist für mich so eng mit meiner Karriere verbunden. Hier hat alles angefangen ..." beginnt der freundliche Rennprofi aus Euskirchen eine persönliche Rückblende, die auch ein Stück deutscher Motorradsport-Historie ist:

1983 bestritt er, frisch vom Motocross kommend und mit vier DM-Titeln aus der Grobstollen-Abteilung in der Tasche, in Bremerhaven sein allererstes Straßenrennen. "Mein Wechsel zum Straßenrennsport war beschlossene Sache. So toll meine Erlebnisse im Motocross auch waren - mein wahres Metier heißt Topspeed."
Ob der erfolgreiche Crosser damals wusste, dass er sich für diesen Richtungswechsel ausgerechnet eines der anspruchsvollsten Motorradrennen ausgesucht hatte? "Klar, das war Absicht. Ich brauchte einen spektakulären Einstieg, denn ich hatte mir vor allem vorgenommen, mir möglichst schnell im Straßenrennsport einen Namen zu machen."
Das ist gelungen - Elmar Geulen schaffte in nur einer Saison den Sprung vom B-Lizenzfahrer zur internationalen A/I-Lizenz. Und fuhr sich mit seinem furiosen Fahrstil sofort in die Herzen des äußerst sachverständigen Bremerhavener Publikums.

2003 dann kehrte er "an den Tatort" zurück - zwanzig aktive Rennjahre später, mit einem Sack voll nationaler und internationaler Erfolge. "Durch den Motorradsport habe ich die Welt gesehen; war in Asien zu den legendären GPs von Macao, Indonesien und Malaysia und auf der Isle of Man. In Frankreich, Belgien, Spanien, Tschechien und werweißnochwo hatte ich das Glück, an hochkarätigen Rennen teilnehmen zu können. Doch zu Bremerhaven habe ich immer eine ganz besondere Beziehung gehabt."

Elmar heißt in der Szene mittlerweile "Mr. Hayabusa" (www.mr-hayabusa.de) - ein Titel den ihm die Medien verliehen haben in Anerkennung der Tatsache, dass er mit seinen Renn-Hayabusas als einziger ernsthaft und erfolgreich professionellen Motorsport betreibt.
"Als ich zur Markteinführung der Suzuki Hayabusa 1999 ankündigte, aus diesem bulligen Sporttourer eine Rennmaschine zu entwickeln, da wurde ich von der Fachwelt nicht ganz ernst genommen. Zu schwer, zu unhandlich hieß es von jeder Seite. Aber das enorme Leistungspotenzial ließ mich an die Sache glauben."

Im Jahr 2000 dann zeigte sich, dass Elmar Geulen und seine Tuner ganze Arbeit geleistet hatten. Präsentiert wurde eine reinrassige Rennmaschine - um einige Pfunde abgespeckt und mit richtig Power. Elmar schwärmt: "Die Leute vom LKM Tuningcenter (www.lkm.de) haben unter der Leitung meines alten Freundes Hennes Löhr richtig gute Arbeit geleistet. Mit dieser Hayabusa konnte ich mich getrost auf den Rennstrecken blicken lassen."

Da stand nun die LKM-Hayabusa und wirkte immer noch etwas pummelig neben den schlanken Superbikes, konnte aber mit satten 225 PS protzen.
"Ich fuhr einige Rennen und gewann auch, hörte aber immer wieder Aussagen, die prophezeiten wie schlecht ich mit diesem Schlachtross auf einem anspruchsvollen Kurs aussehen würde.
2003 füllte ich deshalb das Nennungsformular für das Bremerhavener Fischereihafen-Rennen aus. Mit der Absicht, mir diesen wirklich engen Handlingkurs vorzunehmen - und ihn zu bezwingen. "

Gesagt, getan - Elmar fuhr nach zwanzigjähriger Abwesenheit direkt auf's Podest. Und die Fans in "Fishtown" feierten ihn als wäre er nie weg gewesen. 2006 und 2008 holte er sich dann souverän den Sieg. Seitdem ist der kernige Rheinländer mit seiner Rennmaschine aus der Schwergewichts- Klasse der erklärte Publikumsliebling in Bremerhaven.

Warum aber ist dem weitgereisten Profi, der sein halbes Leben lang internationale Rennluft geatmet hat, gerade dieses Rennen mit dem fast kleinbürgerlich-gemütlichen Namen so wichtig? Die Antwort ist eine interessante Lektion in Sachen deutscher Motorradsport-Geschichte und die Verbeugung eines World Champions vor einer der letzten wahren Herausforderungen im deutschen Motorradrennsport:
"Das Bremerhavener Fischereihafen-Rennen ist das einzige echte Straßenrennen, das es heute in Deutschland noch gibt. Hier werden für ein Pfingstwochenende die engen Industriestraßen des ehrwürdigen Fischereihafens in eine Rennstrecke verwandelt. Faszinierend - da werden die Gullydeckel auf der Fahrbahn mit Bitumen überschweißt und sämtliche Bordsteinkanten mit Asphalt abgeschrägt. Hunderte von Strohgebinden bilden die Streckenbegrenzung; Tribünen werden errichtet, Sanitärbereiche installiert. Pressezentrum, Rennbüro, technische Abnahme - nichts fehlt, was eine zeitgemäße Rennstrecke ausmacht."

Als die Veranstaltung 1952 erstmals stattfand war freilich alles noch ein wenig rustikaler. "Heringstopf-Glitsche" nannten die Fahrer die Piste, die von den freiwilligen Helfern mit ca. 1.500 Fischkisten abgesperrt wurde.

"Kein Vergleich zu heute" schmunzelt Elmar Geulen "aber eines ist geblieben: der Kurs ist verdammt eng, und wer hier schnell fahren will muss Rückgrat haben."
Elmar muss es wissen, denn seine Rennmaschine ist bei weitem die schwerste im hochkarätigen Starterfeld.
Doch mittlerweile belächelt am Vorstart niemand mehr die gedrungene Suzuki Hayabusa - gut zu erkennen am Konterfei eines Raubvogels, das bedrohlich auf der Frontpartie der Verkleidung prangt. Mit den Siegen 2006 und 2008 hat sich Mr. Hayabusa Respekt verschafft.
"Die Jungs hier am Start haben alle richtig was auf dem Kasten - die kannst du nur mit guten Leistungen beeindrucken. Dasselbe gilt für die Zuschauer. Die haben hier über die Jahre schon viel hochklassigen Rennsport gesehen. Du musst dich bei Ihnen qualifizieren - wenn dir das gelingt lieben sie dich."

Um die 30.000 sind es, die jährlich zu Pfingsten den Weg in den Fischereihafen finden. Und jeder kennt Elmar. Ob im Stammrestaurant "Reinhards" (www.reinhard-jun.de) beim Abendessen oder beim kurzen Einkaufsbummel in der Innenstadt - überall erschallt der Ruf "Mr. Hayabusa!". Händeschütteln und Schulterklopfen an jeder Ecke, und selbst eine Politesse lächelte sanft und drückte ein Auge zu über das nicht ganz korrekt abgestellte Einkaufsmoped. Bremerhaven ist Mr. Hayabusa-Land.

Diese Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit, wie Elmar Geulen mit einem schwärmerischen Gesichtsausdruck berichtet:
"Ich liebe es, dort zu sein. Weil die Zeit während des eigentlichen Rennwochenendes stramm organisiert ist, komme ich immer schon ein paar Tage früher. Dann spule ich mit dem Team ein richtiges Touristenprogramm ab - es gibt in Bremerhaven so viel zu erleben. Mich fasziniert am meisten der Museumshafen beim Deutschen Schiffahrtsmuseum (DSM). Dort liegt u.a. die 'Wilhelm Bauer', ein U-Boot der XXL-Klasse aus dem 2. Weltkrieg, das später der Bundesmarine gehörte. Als Museumsboot kann man es komplett besichtigen; der Besuch war für mich sehr beeindruckend. Überhaupt ist der gesamte Museumshafen mit dem DSM eine wirklich sehenswerte Horizonterweiterung. Man erfährt viel über die Geschichte der Seefahrerei. Walfänger, Hansekogge, Polarforschungsschiff - ein tolles Erlebnis." (www.bremerhaven-touristik.de)

Der sympathische Rennfahrer plaudert mit sichtlicher Freude über "sein Bremerhaven", und was er erzählt macht Reiselust. Am Rande des diesjährigen Fischereihafen-Rennens hat das Team einen Besuch des neuen Science-Centers "Klimahaus" (eröffnet im Juni 2009 durch den Rockmusiker Bob Geldoff, www.klimahaus-bremerhaven.de) geplant. Und man wird wie jedes Jahr zum Essen und für wichtige Presse-Termine im Lieblingsrestaurant "Reinhard's" absteigen. "Inhaber Willy Reinhard jr. ist einfach ein guter Freund, dessen geradlinige Herzlichkeit mir gefällt. Die Küche in seinem Restaurant ist fantastisch" sagt Fischliebhaber Elmar und fügt augenzwinkernd hinzu: "Es wird erzählt, das im Reinhard's die hübschesten Bedienungen der ganzen Stadt arbeiten. Da ist was dran!"(www.reinhard-jun.de)

Nur über das Rennen 2009 spricht Elmar Geulen nicht allzu fröhlich: "Ich hatte vor, meinen Titel vom Vorjahr zu verteidigen. Aber mein Rücken wollte nicht so wie ich. Ein Arzt war Dauergast beim Team und es gelang nur durch schmerzstillende Spritzen, mich wenigstens für die wichtigsten Läufe halbwegs fit zu machen. Am Ende hat es nur zum 7. Platz gereicht. Schade."

Umso mehr Energie legt das Team in die Vorbereitung des diesjährigen Rennens. Es wurde aufgerüstet - vor allem technisch. Bei diesem Thema hatten bis vor wenigen Tagen noch alle sehr geheimnisvoll getan, und was ich aus dem Rennmechaniker Daniel Lauenstein herausquetschen konnte war wenig: "Wir verändern einiges am Fahrwerk und an der Bremse, die auf dem anspruchsvollen Handlingkurs eine entscheidende Rolle spielt. Und schauen auch, ob wir hier und da noch ein paar Sekunden finden können. Ihr habt es ja gehört - Mr. Hayabusa hat vom letzten Jahr noch eine Rechnung offen."

Rennmechaniker Daniel Lauenstein (links) mit Elmar Geulen
Rennmechaniker Daniel Lauenstein (links) mit Elmar Geulen

Brandaktuell lüftete Elmar Geulen jetzt selbst den Mantel des Schweigens: "Für meine sportlichen Vorhaben in der aktuellen Saison 2010, besonders für Bremerhaven, schwebte mir u.a. ein Wunschpartner in Sachen Fahrwerk vor. Das Fischereihafenrennen führt wie schon gesagt über einen sehr anspruchsvollen Handlingkurs, und ich mußte dort immer wirklich das Allerletzte aus der Hayabusa herausquetschen. Nun ist es ja bekannt, dass man im Profirennsport beim Thema Federelemente am Namen ÖHLINS nicht vorbeikommt. 200 Weltmeistertitel gehen auf das Konto dieses Herstellers - ein Mythos, der konstant durch messbare Erfolge untermauert wird." Anfang des Jahres 2010 nahm Mr. Hayabusa die Verhandlungen mit ÖHLINS auf, unterstützt von seinem Freund und Tuner Hennes Löhr (LKM).
"Wim Peters, der General Manager von ÖHLINS Deutschland, und ich merkten, dass unsere Interessen gut zusammen passen" lächelt Elmar zufrieden, "und nun bin ich ein offizielles Mitglied der ÖHLINS-Familie. Das ist für mich Ehre und Ansporn zugleich, denn ein ÖHLINS-Fahrwerk an meiner Hayabusa ist quasi so etwas wie ein Garantieschein für optimale Leistungsumsetzung. Insofern ist die Partnerschaft mit ÖHLINS für mich eine Traumhochzeit." (www.ohlins.eu/de/)

Auch an der Teamlogistik gibt es Veränderungen - aber hier ist nichts Top Secret. Nicht ohne Stolz erzählt Elmar: "Der bei Kollegen, Fans und Journalisten bekannte Teambus (ein zum Premium-Wohnmobil umgebauter Neoplan Skyliner Nightliner mit 2 Etagen Wohn- und Schlafkomfort) hat ein neues Gesicht bekommen. Schneeweiß. Hochwertige Einbrennlackierung. Das ist nicht zuletzt eine Hommage an meine Partner und Sponsoren, denen der Teambus als exklusiver Werbeträger zur Verfügung steht. Immerhin sind wir pro Saison runde 25.000 Kilometer auf deutschen Straßen unterwegs - immer auch als Aushängeschild unserer Werbepartner."

Dieses rollende Hotel wird während des 53. Bremerhavener Fischereihafen-Rennens das Zuhause für Team und Gäste sein. Und Gastfreundschaft wird bei Mr. Hayabusa groß geschrieben. "Es gehört zur Tradition des Fischereihafen-Rennens, dass die Besucher im offenen Fahrerlager den Teams und den Fahrern auf Augenhöhe begegnen können. Wer sich also für Pfingsten ein besonderes Erlebnis gönnen möchte, dem empfehle ich diese einmalige Rennveranstaltung im schönen Bremerhaven. Wer das Team von Mr. Hayabusa im Fahrerlager besucht wird von mir persönlich begrüßt. Versprochen!"

Übrigens ist das Bremerhavener Fischereihafen-Rennen für alle Biker und Motorradfreunde ein Leckerbissen: Der Veranstaltungsrahmen umfasst neben der Topklasse "Fishtown Open" (ein Einladungsrennen) Rennen der Klassen "Fishtown Twins and Triples" (Zwei-und Dreizylinder-Bikes); "Supersport 600" sowie und den ITALO-CLASSIC-Sonderlauf, ein Paradis für die Anhänger klassischer italienischer Maschinen. Ein besonderer Ohrenschmaus wird wieder die "Sound of Classic 500" (SOC). Sowohl Renngespanne bis Bj. 1978 als auch die beliebte Super-Moto-Fraktion sind ebenfalls mit eigenen Klassen vertreten.

Den Organisatoren gelingt es ganz sicher auch 2010 wieder, neben der grandiosen Rennveranstaltung ein Volksfest für Jung und Alt auf die Beine zu stellen: Auf der berühmten "Partymeile" ist sowohl für Kulinarisches aller Art (natürlich auch Fisch in jeder gastronomischen Form) als auch für flüssige Nahrung bestens gesorgt - verhungert oder verdurstet ist hier noch niemand. Selbst die legendäre Fahrerlager-Party (Samstag und Sonntag abends) ist für alle Besucher offen - trotz cooler Life Music bleibt es auch dieses Jahr dabei: Eintritt frei!

Die Trainingsläufe finden am Pfingstsonntag statt, und am Pfingstmontag laufen dann traditionell die 10 Rennen (!) der genannten Klassen.

Ein großes Lob geht dabei ausdrücklich an das Veranstalter-Team um Hinrich Hink. Es hält seit Jahren nicht nur die Qualtät des Events, sondern auch die Eintrittspreise stabil. Und macht 2010 einmal mehr Bremerhaven zu einem "Klein-Monaco des Nordens".

Bremerhavener Fischereihafen-Rennen 2009: v.l.n.r. "Mr. Hayabusa" Elmar Geulen, Veranstalter Hinrich "Hinni" Hink und Speedway-Weltmeister Egon Müller
Bremerhavener Fischereihafen-Rennen 2009: v.l.n.r. "Mr. Hayabusa" Elmar Geulen, Veranstalter Hinrich "Hinni" Hink und Speedway-Weltmeister Egon Müller